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Das Jugendblasorchester Seelze (Jbo) lud am Mittwoch, den 27. Januar 2021, zu einem virtuellen Austausch über den aktuellen Stand des Projekts „Obentraut-Hymne“ ein. Der Einladung folgten rund 20 Vereinsmitglieder und Projektpaten – und als Überraschungsgast war sogar Komponist Bert Appermont anwesend.

Pressewartin Fenja Ruhmann begrüßte die Teilnehmer und gab einen kurzen Rückblick: Vor etwas mehr elf Monaten sei der offizielle Startschuss des Projekts im Seelzer Rathaus gefallen – damals noch live vor Ort. Das Jahr sei anders verlaufen als damals erwartet, aber sie sei froh, verkünden zu können, dass Corona das Projekt im Großen und Ganzen nicht habe aufhalten können. Das liege vor allem an dem außerordentlichen Engagement des Teams rund um Tom Kruse und Jessica Fischer.

Vieles lief im vergangenen Jahr digital ab, im August konnten sich „zwischen den zwei Wellen“ Interessierte bei einer Stadtführung von Reitergeneral Michael von Obentraut alias Rainer Künnecke auf die „Obentraut-Hymne“ einstimmen.

Was seit dem vergangenen Sommer alles passiere, stellten Tom Kruse und Jessica Fischer vor: Ursprünglich war geplant, dass Komponist Bert Appermont im November Seelze einen Besuch abstatten sollte – inklusive Probenbesuch, Stadtrundgang, einem persönlichen Kennenlernen und Gesprächen mit den Beteiligten. Das war aufgrund der immer noch anhaltenden Pandemie undenkbar. Stattdessen wurde ein Informationspaket für den belgischen Komponisten zusammengestellt: Dokumente, Bilder, Audiodateien und Videos, die die Orchesteraufstellung auf der Bühne zeigten, Einblicke in die Besetzung gaben aber vor allem auch den Klang von Modern Sound[s] Orchestra und YoungStars vermittelten. Darüber hinaus fasste Schauspieler Rainer Künnecke den historischen Roman „Michel Obentraut“ von Harry Vosberg aus dem Jahr 1883 zusammen und Jessica Fischer erstellte daraus ein Video, um Bert Appermont neben den historischen Fakten auch einige erzählerische Elemente mitgeben zu können. Anfang Januar 2021 kam es dann zu einem recht spontanen, virtuellen Treffen zwischen Bert Appermont, Rainer Künnecke, Norbert Saul vom Stadtarchiv Seelze, Tom Kruse und Jessica Fischer, wo der Komponist die Gelegenheit nutze, im Gespräch Nachfragen zu stellen und weitere Informationen, insbesondere zur historisch korrekten Einordnung der Geschichte Obentrauts und der Schlacht bei Seelze, einzuholen – denn nun sollte es mit der Komposition losgehen!

Das Video-Meeting habe ihm noch einmal sehr geholfen, berichtete Bert Appermont und gab im folgenden spannende Einblicke in seine Arbeit: Begonnen habe er mit Improvisationen am Klavier, um die Melodie der eigentlichen Hymne zu finden. Diese sei auch seine größte Herausforderung gewesen, denn der Auftrag war es, dass die Hymne auf der einen Seite in die gesamte Komposition eingebettet ist, aber auf der anderen Seite auch für sich stehen kann, relativ einfach und für verschiedene Ensembles spielbar sein soll. Die Idee dahinter: Die „Obentraut-Hymne“ selbst soll von Musikgruppen in den unterschiedlichsten Besetzungen gespielt werden können, beispielsweise auch bei Seelzer Veranstaltungen. Trotz der Herausforderung, die diese Aufgabe ihm bereitet hatte, lobte Appermont die Idee, die Hymne so Vielen zugänglich zu machen.

 

Die Teilnehmer lauschen gespannt Bert Appermonts Ausführungen

 

Auf die Frage hin, ob er einige Passagen am Klavier spielen solle, gab es begeistertes Nicken. So untermalte Bert Appermont seine Ausführungen immer wieder mit kurzen Auszügen am Klavier und machte für die Teilnehmer die Komposition damit noch greifbarer – die leuchtenden Augen der Zuhörer sprachen Bände.

Der belgische Komponist präsentierte das Obentraut-Motiv, eine kurze Melodie, die in Variationen immer wieder im Stück auftaucht und den Reitergeneral verkörpert. Insgesamt sei es nicht sein Ziel gewesen, Obentrauts gesamte Geschichte musikalisch nachzuerzählen und jedes Detail darzustellen, sondern Auszüge und Stimmungen von Obentrauts Leben zu verarbeiten. Fest habe aber schnell gestanden, dass Obentrauts letzte Schlacht in Seelze Einzug in die Komposition finden sollte: Im dritten Satz lässt Appermont den Nebel im Morgengrauen – so ist es überliefert – musikalisch erklingen, stellt den hastigen Aufbruch von Obentrauts Truppe, um dem Herzog von Altenburg gegen den Angriff von General Tilly zu Hilfe zu eilen, durch ein Accelerando („schneller werden“) dar und beschreibt dann eine Kampfszene, deren dramatisches Ende Obentrauts Tod erklingen lässt. Auch hier gab Bert Appermont wieder einen kleinen Einblick in den Alltag eines Komponisten, indem er erzählte, dass er in seinem Leben schon so viele Kampfszenen vertont habe, sodass es gar nicht so einfach sei, hier immer wieder neue Ideen zu finden.

Im Kontrast zu dem schnellen dritten Satz, greift sich Appermont im ersten Satz die Jugendzeit Obentrauts in Stromberg und seine Liebe zu Romai heraus. Die Tatsache, dass diese Liebe nicht glücklich endet und Romai ins Kloster geht, stellt der Komponist dar, indem er das Marienlied „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ (was ursprünglich kein Weihnachtslied war) anklingen, dieses aber in Dissonanzen münden lässt. Interessanter Hintergrund hierzu: Romais Bruder, der Komponist Michael Praetorius, schuf 1609 den weit verbreiteten vierstimmigen Chorsatz dieses Liedes.

Im zweiten Satz lässt sich Appermont von der Musik der damaligen Zeit, im Übergang von der Renaissance zum Barock, zu einem Tanz inspirieren.

Am Ende des gesamten Werks erklingt die „Obentraut-Hymne“ erneut und ein einfühlsames Flötensolo verdeutlicht, dass die Geschichten um Obentraut und seine Legende weiterleben – wie beispielsweise in der Obentrautstadt Seelze.

„Die Musik ist fertig, aber ich muss die Partitur noch schreiben“, berichtete Bert Appermont den begeisterten Zuhörern, denen deutlich anzumerken war, dass sie es gar nicht mehr erwarten können, die Noten in den Händen zu halten und das Werk in seiner vollen Orchesterfassung zu hören und zu spielen.

In der anschließenden Fragerunde gab Appermont weitere spannende Einblicke in seine Arbeit: Ideen könne man nicht erzwingen, aber wenn er eine habe, dann setze er sich auch den ganzen Tag hin, um diese auszuarbeiten – fünf Prozent sei Inspiration, der Rest harte Arbeit. Der Belgier berichtete weiter, dass er immer nur an einem Auftrag gleichzeitig arbeite. Er lege seine volle Konzentration darauf und befürchte, dass sich Kompositionen vermischen würden, wenn er an mehreren gleichzeitig arbeiten würde – das habe er noch nie getan. Auf die Frage hin, wie er den Schwierigkeitsgrad eines Stückes beeinflusse, gab Appermont an, dass dies vor allem an den Rhythmen, dem geforderten Tonumfang der Instrumente und der Einarbeitung von technischen Schwierigkeiten, wie z. B. Läufen, liege. Auch in seine Gedanken zur Instrumentation gab der Komponist noch einige Einblicke.

Die Jbo-Mitglieder und Projektpaten erlebten einen äußerst spannenden, inspirierenden und vor allem auch motivierenden Einblick in das Projekt „Obentraut-Hymne“ und die Kompositionsarbeit. Den Musikern kribbeln die Finger und sie hoffen, bald die Noten in den Händen halten und in nicht allzu ferner Zukunft auch wieder gemeinsam proben zu können. Ein Ziel haben sie bereits: Wenn es die Situation zulässt, soll das Werk im Rahmen der „MuSe – Internationales Musikfestival Seelze“ welturaufgeführt werden – und zwar am 18. Juli 2021 um 17 Uhr unter der Flutbrücke in Seelze. Wer noch als Pate mit in das Projekt einsteigen und hautnah beim Geschehen dabei sein möchte, kann sich hier informieren oder auch direkt unter obentraut(at)jbo-seelze.de melden – zwei letzte Patenplätze sind noch zu vergeben.

(fr)